German – CBATFOW Mauerfall 1989

By Posted in - Deutsch & History on November 8th, 2014 4 Comments Stage

Sechs Shows in sieben Tagen. Oktober 1989 in der DDR. Lies es in den Geschichtsbüchern nach. Wir waren da. Zuerst ging’s nach Ost-Berlin, unsere offizielle Tourbegleiterin Vera wartete dort auf uns. Vera passte so gut auf uns auf, dass wir sie bald schon “Mutti” nennen wollten. Von Berlin aus ging es weiter nach Dresden – und den Koffer mit der Gage für alle sechs Auftritte hatten wir schon am ersten Tag ausgehändigt bekommen. Eine satte fünfstellige Summe – natürlich in M/DDR, wie man es im dortigen Amtsdeutsch schrieb. Wir spielten in folgenden Städten: Dresden, Ost-Berlin, Herzberg, Schwedt, Karl-Marx-Stadt und Görlitz. Drei dieser Konzerte sind uns in besonderer Erinnerung geblieben.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit Sightseeing in Dresden. Der örtliche Veranstalter hatte für uns eine Führung durch das Karl-May-Museum arrangiert, denn die FDJ hatte uns als „original amerikanische Country-Band“ gebucht. Der Museumsdirektor führte uns herum; er war ein richtiger Cowboy-Fan, und, wie die meisten anderen Menschen dort, der Meinung, wir seien eine traditionelle Country-Band, mit Johnny Cash und so. Ich musste ihn leider enttäuschen. Wir aßen Mittag im Clubhaus von Dynamo Dresden, was der Höhepunkt des Tages war.

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Das abendliche Konzert war open air in einer wunderschönen Arena, ein klassisches Amphitheater für etwa 2000 Menschen. Die Support Bands “Hufeisen” und “Beifahrer” spielten richtigen DDR-Country, mit Stetson, Cowboy-Stiefeln, Rhythmus-Maschinen und deutschen Texten. Sie kamen bei den gut 1500 Besuchern, die gekommen waren, um zu sehen, was der Westen so zu bieten hat, richtig gut an. Wir spielten gut, hatten aber vorsichtshalber eine Menge der alten, rockigeren Stücke aus dem Set genommen und spielten im Grunde das, was die nächste LP sein sollte. Aber das zählte in Dresden nicht. Wir spielten eben nicht “Ring of Fire” und das wollten sie uns nicht verzeihen. Ob sie deshalb Heinz ein Effektpedal klauten? Witziger dagegen war, dass uns backstage ein voll ausgestatteter Indianer mit Brille freundlich begrüßte. Erst auf den dritten Blick erkannten wir, dass es sich dabei um den Museumsdirektor vom Nachmittag handelte, der eine seiner Vitrinen geplündert hatte, um stilecht verkleidet zum Konzert zu gehen.

Unser Konzert in Berlin war Teil eines einwöchigen Festivals, bei dem u. a. Philipp Boa, Jeremy Days, Cutting Crew und diverse ostdeutsche und russische Bands auftraten. Wir waren die Headliner des dritten Abends, in einer Sporthalle für ca. 6000 Personen. Die Crew war schon um acht Uhr morgens zum Aufbauen geweckt worden. Das tat ihnen relativ weh. Das Radio nahm die Show auf, wir spielten ein paar extra Stücke für sie und machten ein Interview, das für die Sendung aufgenommen wurde.

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Als erste spielte “Biber’s Farm”, eine ostdeutsche Band, die Dwight Yoakam coverten. Dann kamen die „Beatitudes“ aus West-Berlin, die das Publikum mit einer Mischung aus Country und Pop beruhigten. Wir waren gegen 22 Uhr auf der Bühne und fingen mit dem A-Capella-Song “Seven Blocks of Home” an, zu dem die sechstausend Leute johlten und klatschten. Und so ging es für 90 Minuten weiter. Gute Stimmung! Wir endeten mit einer Version von Lou Reed’s “Busload of Faith”, und widmeten dieses Stück den stattfindenden Veränderungen in Ost-Europa, die wir auch hier in der Halle deutlich spüren konnten. Heaven kam auf die Bühne und spielte Akustik-Gitarre, und wir warfen ca. 2000 CBATFOW-Aufkleber ins Publikum. Also, wenn Ihr einen Trabant mit dem Bild von Cliff Barnes seht, wisst ihr, wo der Fahrer vor 25 Jahren gewesen ist. Die Show war großartig und entschädigte für die Enttäuschung in Dresden.

Wir hatten eine kleine Party nach dem Konzert, und der Türsteher ließ uns sogar in die Hotelbar hinein. Hier tranken wir Wodka mit zwei betrunkenen kubanischen Piloten, die am nächsten Morgen wieder zurück nach Kuba fliegen mussten. Einen von ihnen fanden wir später schlafend im Aufzug wieder, er hatte es nicht bis in sein Bett geschafft… Wir hoffen, dass beide unbeschadet in ihrer Heimat angekommen waren…

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Nach dem Auftritt in Herzberg, zu dem uns heute eigentlich nichts mehr einfällt, fuhren wir wieder zurück nach Dresden, um dort mitten im politischen Geschehen zu landen! Die ganze Stadt war von Polizei und Armee vollständig abgeriegelt – und wir mussten sie vehement überreden, uns durchzulassen. Sie ließen uns schließlich zum Hotel durch, das in unmittelbarer Nähe vom Hauptbahnhof lag, aber nur unter der Bedingung, dass wir es an diesem Abend nicht wieder verlassen würden. Es bestand dazu aber auch gar nicht die Möglichkeit, weil es von schwer bewaffneter Polizei abgeriegelt war. Das Hotel war abgeschlossen, und durch die großen Glastüren sahen wir, dass ein paar Hotel-Mitarbeiter weinend hinter dem Rezeptions-Tresen standen und mit der Gesamtsituation vollkommen überfordert waren.

In den Straßen war kein Mensch zu sehen, keine Autos fuhren – es herrschte eine gespenstische Stille. Nur ab und zu sah man jemand, meist mit einem Rucksack bepackt, leise von Türeingang zu Türeingang huschen. Dann hörte man eine Polizei- oder Armeetruppe durch die Nacht marschieren – und ab und zu vereinzelte Schreie von den Leuten, die wohl von ihnen aufgegriffen worden waren. Was das zu bedeuten hatte, wurde uns erst später klar.

Nachdem wir dann doch noch ins Hotel reingelassen wurden, blieben wird fast die ganze Nacht auf und beobachteten das Geschehen am Bahnhof von unseren Fenstern aus, und hörten nebenbei Westradio. Im Ost-Fernsehen wurde kein Wort von dieser Situation erwähnt, sondern nur die Erfolge diverser Kombinate vorgestellt. Eine schräge Welt! Die Luft war elektrifiziert und die Stimmung sehr bedrückt. Im Laufe der Nacht versammelten sich ca. 5000 Menschen zu einer Protestkundgebung am Bahnhof, die in Gewaltaktionen eskalierte. Es hatte auch am nächsten Tag Krieg sein können, so war die Stimmung. Und wir als Rock’n’Roll-Band aus dem Westen waren mittendrin. Das waren die Anfänge der Unruhen in der DDR, es war der 4. Oktober.

Ein Zeitzeuge Dr. Rolf Beyer aus Leipzig berichtete über die Hintergrunde: „Das DDR-Politbüro hatte entschieden, dass alle sich in der Prager DDR-Botschaft befindlichen DDR-Flüchtlinge in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Anstatt die Züge von Prag aus direkt in die Bundesrepublik fahren zu lassen, wurde festgelegt, dass sie den Umweg über die DDR nehmen sollten. So mussten sie Dresden und den Dresdener Bahnhof passieren. Das war ein Signal für alle, die ebenfalls in die Bundesrepublik ausreisen wollten, und das waren sehr viele. Sie kamen zum Hauptbahnhof mit dem Ziel, die Züge anzuhalten oder auf sie aufzuspringen und mitzufahren. Um das zu verhindern, wurden nun Sicherheitskräfte eingesetzt. Das Ergebnis waren größere Schlachten im und vor dem Bahnhof, bei denen die Sicherheitskräfte mit Gummiknüppeln vorgingen und die Ausreisewilligen mit allem um sich warfen, was sie im Bahnhof locker machen konnten. So gab es viele Verletzte, die in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten, und noch mehr Festgenommene.“
Zitat Webseite der Uni-Leipzig http://www.uni-leipzig.de/~hagen/Zeitzeugen/zz160.htm

Als wir am nächsten Tag den Hauptbahnhof sahen, waren die Fensterscheiben eingeworfen, Molotow-Cocktails waren geworfen und Autos angezündet worden. Und wir sprachen noch mit einem Reporter des Stern, der gerade angekommen war und wissen wollte, was am Abend zuvor hier abgegangen worden war.

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Am 5. Oktober spielten wir in Karl-Marx-Stadt, mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch. Wir spielten hier für ein sogenanntes „Kultur-Abo-Publikum“ – heute das Bolschoi-Ballett, morgen die Country-Band aus dem Westen. Es waren die Bonzen da, schick angezogen und neugierig. Und im Publikum saßen Stasi-Leute mit Simultan-Übersetzern, wie uns Harry, unser Mischer-Mann, später erzählte. Die hätten jede Ansage und jeden Liedtext ihren Vorgesetzten ins Ohr geflüstert. Ich kann mich noch erinnern, wie wir diskutiert haben, ob und wie wir das, was am Abend vorher geschehen ist, kommentieren sollten. Und dass man uns empfohlen hatte, nichts zu den Vorfällen zu sagen. Aber als wir eine Zugabe spielten, sagte ich zu dem Rest der Band, dass ich das A-Capella-Lied „Seven Blocks of Home“ singen wollte – ein Lied über Heimat, Hilflosigkeit und persönliche Schicksale. Ich stand da alleine auf der Bühne vor diesen Menschen und sagte ihnen, dass ich dieses Lied für all die Menschen singe, die am Tag vorher für Freiheit und Reisefreiheit demonstriert hatten. Es wurde total still, kein Wort war zu hören, ein tödliches Schweigen – bis ganz langsam die Menschen oben auf den billigen Sitzen anfingen zu klatschen. Ich sang dieses Lied mit sehr weichen Knien – und nie hat dieses Lied mehr bedeutet als damals in Karl-Marx-Stadt.

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Wir verließen Ost-Berlin an dem Tag, als Gorbatschow seine legendäre Rede hielt. Es war der 7. Oktober und das Ende der DDR war nah. Toni Krahl, der Gitarrist von City, der mit seiner Firma KPM Records nur ein paar Monate vorher unsere LP in der DDR veröffentlicht hatte, steckte uns noch einen Kasten mit Flugblättern zu. Ein Aufruf vieler DDR-Künstler zur Situation in der DDR, die wir im Westen verteilen sollten. Dann fuhren wir über die Grenze, und die DDR feierte mit großem Pomp ihren 40. Jahrestag. Und uns war allen klar, dass dies das letzte Jubiläum war, das dieses System feiern sollte.

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Ich bin sehr froh, dass wir damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen waren. Wir erfuhren viel über die Mentalität der Leute dort, aber auch über dieses System. Die Menschen sind um viele Sachen betrogen worden, die für uns selbstverständlich sind …. Reisefreiheit, Pressefreiheit und lnformationsfluss. Die Szenen, die wir dann sahen, als später die Mauer fiel, war das Resultat dieser Frustrationen und Fehlentwicklungen. Und die Nacht in Dresden am Hauptbahnhof der Auslöser. Bob Dylan sang “Don’t follow Leaders” und auch ich hatte dies alles nicht besser beschreiben können.

Bobby Tijuana – November 1989 mit Henry Rebellius, Marcus Praed, Martin Schmeing, Deko Pellmann als Cliff Barnes and the Fear of Winning. Crew: Harry von Harscher, Rüdiger Scholz, Udo Milde, Mick Franke und Dieter Schubert. Fotos: Manfred Pollert.

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(4) awesome folk have had something to say...

  • Lars - Reply

    November 30, 2014 at 5:01 pm

    “Seven Blocks of Home” … ich trainiere diesen großartigen Song immer noch nahezu jeden Morgen unter der Dusche 😉

    • admin - Reply

      December 1, 2014 at 12:21 pm

      Danke, Lars!

  • Steffi - Reply

    October 2, 2015 at 2:05 am

    Klasse Artikel. Ich habe damals in Berlin den Backstage-Bereich organisiert. War toll, Euch zu treffen. Und ja, ich habe noch ‘n Aufkleber und die T-Shirts… :-)

    • admin - Reply

      October 2, 2015 at 7:52 am

      Schön, das war eine verrückte Zeit….! Viele Zeitzeugen waren nicht so nah dran wie wir damals. Viele Grüße. Bob

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